Überraschende Funde in Stadtarchiven

Friedrich Carl Ludwig Händler (geb. 28.01.1814 zu Mücheln) kam 1836 von Mücheln nach Naumburg, blieb vorerst nur wenige Monate hier, um dann 1843 „für immer“ zurückzukehren. Die Frage an das Naumburger Stadtarchiv, ob sich eine Einbürgerung meines Alturgroßvaters finden ließe, wurde mit der Kopie aus dem Einwohnerbuch 1840-50 beschieden, woraus sich auch die restliche Familienkonstellation sowie diverse Umzüge der jungen Familie innerhalb Naumburgs nachverfolgen ließen. Zudem liegen ab 1839 Adressbücher der Stadt im Archiv vor, so dass man auch hier den Wohnverlauf verfolgen konnte .

Naumburg um 1900

Die Frage nach einem Eintrag in Innungsakten, derjenige F. C. L. Händler war Korbmacher, wurde negativ beantwortet, es sei aber ein polizeilicher Vermerk zu finden. Wenn ich wollte, könnte ich vorbeikommen. Dem Angebot folgend, wurde mir vor Ort eine 180-seitige Polizeiakte über diesen Vorfahren in die Hände gedrückt, welche die Jahre 1843 bis 1859 umfasste. Nach erstem Stöbern und späterem Abschreiben stellte sich ein Lebensbild desjenigen und seiner Familie dar, welches man zwischen ärmlich bis erbärmlich einzuordnen vermag, dies ja aber vielleicht doch als beispielhaft für Viele dieser Zeit angesehen werden kann.

Nach anfänglichen, kleineren Diebstählen und daraus resultierenden, ebenso kleineren Arresten folgten bald schwerere Vergehen. Vom Falschgeld in Umlauf bringen (14 Tage Arrest und 20 Peitschenhiebe) bis hin zum Versuch der gewaltsamen Gefangenenbefreiung lässt sich einiges lesen. Letzterer Vorfall führte mich zu einer früheren Forschung in Bucha bei Bad Bibra. Zu Aufzeichnungen des dortigen Pfarrers im Kirchenbuch (gedruckt zu finden in der AMF Schriftenreihe Nr. 71), deren Inhalt den Hintergrund des Verhaltens und die Verhaftung des Vorfahren in Naumburg erklärte.

Am 20. November 1848 kam es in Bibra zu schwereren Auseinandersetzungen zwischen Bürgerwehrlern (beinahe 500 Mann waren aus der Gegend zusammen gekommen) und von Naumburg aus gesandten Husaren. Tatsächlich wurden letztere aus der Stadt gejagt, zum Teil rang- und namhaft festgesetzt. Daraufhin wurden von Naumburg aus am 22. November Infanterieeinheiten gesandt, die letztlich jene„Freischärler“ verjagen und großteils festnehmen konnten.

Am Vormittag desselben Tages kam es im Naumburger Schießhaussaal zur Bürgerversammlung, wobei entschieden wurde, sich „auf Nachmittag 3 Uhr und zwar bewaffnet, im Saale wieder zu treffen und gen Bibra zu ziehen“. Unser Vorfahre Carl Louis Händler eilte nach Hause, um sich mit einer Sichel zu bewaffnen, kehrte unterwegs nur nochmal kurz zur „Tanne“ ein – und versackte dort bis Mitternacht. Laut krakeelend „Hecker lebt!“ und „Auf nach Bibra“ lief er Wachleuten in die Arme. Als er diese aufforderte „sich als Republikaner“ zu bekennen, wurde er in Gewahrsam genommen. Den Zug gen Bibra, direkte Kampfhandlungen und somit vielleicht Schlimmeres hatte er verpasst. 18 Monate sollte er trotzdem in der Besserungsanstalt Lichtenburg bei Torgau verbringen dürfen. Später sollten noch mehrere Langzeitaufenthalte dort hinzukommen.

Lichtenburg, ab 1812 kursächsisches Gefängnis, dann preußische Strafanstalt

Zudem stand er permanent unter polizeilicher Aufsicht, was zu halbjährigen Rapporten der Behörde führte und jene eine Zusammenfassung des Lebenswandels in Form inhaltlich moralischer Bewertungen darstellen. Zudem liegen mehrere „Reise-Routen“ bei, welche ihm bei Haftentlassung ausgestellt worden waren und die man ähnlich einem Steckbrief begreifen darf. Hier wurde er körperlich aufs Genaueste beschrieben. Zeitgleich erfährt man immer auch etwas über das Leben seiner Frau Friederike Wilhelmine geb. Schmidt (am 28.08.1818 zu St. Micheln geboren) und die Kinder in Naumburg während seinen Inhaftierungen. Unterstützungen durch die Armenkasse sind notiert bis hin zur Einweisung ins Armenhaus.

Am Ende landete die Familie im Siechhospital der Stadt, zog von dort auch nicht mehr aus, obwohl es ihnen bei Strafe vorgeschrieben wurde. Diese Strafen sahen dann so aus, dass der Vorfahre mehrmals für Tage in Haft, eben wegen Nichtauszug aus genannten Ort, gehen musste. Von einem letzten Gefängnisaufenthalt kam er stark geschwächt wieder und schon 5 Tage später erlag er dem Leiden der Cholera, welche in jenem Jahr in Naumburg grassierte. Zumindest vermitteln die Sterberegister zu St. Wenzel diesen Eindruck. Das Leben des Vorfahren war beschlossen, seine Akte auch.

Stadtkirche St. Wenzel in Naumburg (Christian Bier, 2006)

Seine Ehefrau Friederike Wilhelmine lebte noch 23 Jahre, starb im Brüderstift an der Neumauer. Kurz vor dem Tod ihres Mannes hatte sie, da schon 41 Jahre alt, nochmal ein Kind geboren. Es war das 7. der Ehe, 5 davon überlebten. Die zog sie dann allein groß.

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 + 18 =