9. November 1989

Aus Anlass der 31. Wiederkehr des Mauerfalls wiederholen wir den Beitrag vom Tag der Deutschen Einheit. Denn seitdem begann auch für uns Familienforscher die Normalisierung gemeinsamen Forschens.

1991 war’s, im März. Mein Mann hatte einen Vorstellungstermin in Berlin und anschließend in München, und bei mir stand noch Resturlaub. Also beschloss ich, ihn zu begleiten.

Der Termin in Berlin war vorbei, am nächsten Morgen ging es auf die A9. Wir passierten Leipzig und fuhren weiter in Richtung München. Dazwischen das Hermsdorfer Kreuz – STOP – Hermsdorfer Kreuz, davon hatten die Cousinen im Rentenalter gesprochen, die in regelmäßigen Abständen bei meinen Großeltern waren. Neugierig bat ich meinen Mann, die Autobahn zu verlassen und nach Kleinsaara zu Anneliese zur Fliegenschenke zu fahren. Schließlich war ein Kaffee zwischendurch gar nicht schlecht. Ohne Navigationsgerät, mit einer Karte bewaffnet, ging es auf die kleine Straße. Aber nach verpasstem Abzweig wurde die Straße für unseren Wagen zu schmal. Also beschlossen wir, bei nächster Gelegenheit zu wenden. Alles war irgendwie zu eng und dann fand sich rechts ein großer Platz.

Beim Wendevorgang fiel mein Blick auf ein Straßenschild „HELLBORN“. Wie magnetisiert schaute ich darauf, konnte es nicht glauben, denn in diesem Ort stand das Geburtshaus meines Großvaters, welches ich in Form einer Kohlezeichnung über meinem Sofa hängen hatte. Plan geändert, „Fahr doch mal durch, ich will nur einen Blick auf das Haus werfen, es soll doch noch stehen“, waren meine Worte und so fuhren wir langsam durch diesen kleinen, kaum 50 Seelen zählenden Ort. Einmal, zweimal, dreimal nichts, ich fand es nicht. Doch ich gebe so schnell nicht auf, und so hielten wir am letzten Haus und ich klingelte. Mißtrauisch wurde ein Fenster geöffnet, und auf das  „ja“ fragte ich, wo denn Seidemanns wohnen würden. „Böttchern“ ist nebenan und schwupps war das Fenster zu.

Also ging ich zum nächsten Haus über eine kleine Brücke, beäugte es  – es sah anders aus, aber Fragen kostet ja nichts  – und klingelte. Ich wollte schon wieder gehen, als ich Schritte hörte. Ein junger Mann öffnete, und wieder sah ich einen misstrauischen Blick,  hörte ein „ja“ und fragte, ob ich mir das Haus von außen ansehen dürfe, mein Großvater sei hier geboren worden und ich auf der Durchreise.

Haus von Ernst Seidemann / Kohlezeichnung im Besitz der Autorin

Mein Gegenüber faßte sich ans Kinn, strich nachdenklich darüber, überlegte, sagte „Moment“ und die Tür fiel zu.  War es das? Nein, die Tür ging wieder auf, eine Frau sah mich freudestrahlend an und fragte: die Enkelin vom Ernst? Meine Großcousine Renate, die ich nur, weil noch nicht alt genug fürs Reisen, aus Erzählungen kannte.

Ja, das war ich, die Enkelin von Ernst, der bereits 1919 seine Heimat verlassen hatte, erst zur Musikschule Zschopau, dann zum 100tausend-Mann-Heer, weiter nach Magdeburg, Soldat, russische Kriegsgefangenschaft bis 1949 und der durch die Abenteuerlust seines Sohnes, der im Ruhrgebiet gelandet war, auch dorthin gezogen war, und mir immer von seiner Kindheit in Thüringen erzählt hatte. Denn ich war ein Opa-Kind, hatte eine sehr enge Beziehung zu ihm.

Zwar ging ich an diesem Tag nicht seinen Schulweg nach Renthendorf, ich besuchte auch nicht die Kirche in Hellborn, doch ich saß auf dem Sofa, sah, wo er gelebt hatte. Und erfuhr auch den Grund für das Misstrauen. Wir hatten ein großes dunkles Auto, fuhren mehrfach durch den Ort, mein Mann hatte einen Anzug an, ich ein blaues Kostüm und so wirkten wir wie Versicherungsvertreter – oder noch schlimmer- wie Menschen, die einmal sehen wollen, was ihnen denn im Osten so gehört! Und so schloss sich der Kreis für mich. Ich fahre nun in jedem Jahr nach Hellborn, manchmal mehrfach und wenn ich auf dem Hügel stehe und auf dieses kleine Dorf blicke, dann fühle ich mich zuhause. Und ich bin unendlich dankbar für den Lauf der Geschichte, der mir dieses ohne Grenzen ermöglicht.

(c) Peter Teuthorn

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