Vorschlag zur Gründung eines neuen Arbeitskreises zu LEIPZIG

Unser Verein hat zwei neue Arbeitskreise in Planung. Der eine, dem mit großer Wahrscheinlichkeit eine wichtige Rolle bei der Überführung von Teilen des Archivmaterials, das in Leipzig lagert, zukommen wird und dies in die digitale Form und damit in ein anderes, zeitgemäßes und auch räumlich unabhängiges Format überführen soll. Und ein zweiter, der den genalogischen Fußabdruck der Menschen, die in der Stadt Leipzig gelebt haben, weiter beleuchten und in den Mittelpunkt rücken möchte.

Heute werde ich gern über den Zweiten sprechen und damit einen Wunsch, ebenso eine Vision verbinden. Der Gedanke dahinter: wie funktioniert eine Stadt in unseren Tagen und wie ist es uns aus der vergangenen Zeit überliefert? Lassen sich Vergleiche anstellen oder sind die Strukturen einfach zu verschieden, um auf Parallelen zu schließen? Auf jeden Fall war es zu jeder Zeit komplex, unübersichtlich und hektisch, quirlig und chaotisch. So mag es auf den ersten Blick erscheinen und doch liege ich falsch damit. Heute wie auch in früheren Zeiten wird die Stadt bevölkert, entwickelt, geprägt und geformt von Menschen mit deren Familien, Überzeugungen und Ansichten. Der Rahmen, wenn wir 200 Jahre zurückgehen, wirkt indes kleiner, überschaubarer, aber auch er unterlag in Dynamik wie in Stillstand der Intension menschlicher Interessen, Beziehungen und Einflussnahmen.

Bildkarte mit einer Stadtansicht von Leipzig um 1890

Ich bin vor etwa 10 Jahren diesem Thema verfallen und wollte Leipziger Familien und ihren Mikrokosmos entdecken und mir einen Überblick über die Strukturen, Hemmnisse und Standortvorteile dieser aufsteigenden und blühenden Metropole verschaffen. Ein Hilfsmittel war die Erstellung eines virtuellen historischen Stadtmodells, um Geschichte – nicht nur in Form von Architektur – anfassbar und erlebbar zu machen.

Der nächste Schritt, auch wenn er fast parallel geschah, war der Aufbau einer umfangreichen Recherche zu Personen und Familien der Stadt Leipzig. Beide Forschungen, das Stadtmodell und das Referenzieren und Zusammenbringen von Personendaten, sollen in einem weiteren – jetzt schon kleinteilig begonnenen – Arbeitsgang neue Blicke und Einsichten in die entstandene und verdichtete Datensituation vermitteln. In den letzten 10 Jahren haben viele Interessierte sich mit an dem Projekt beteiligt. Es wurden Friedhöfe mit ihren Grabsteinen fotografiert, eine umfangreiche Porträtsammlung von Leipziger Persönlichkeiten angelegt und vielfältigste Daten aus Dokumenten in die Datenbank übertragen.

Auch unabhängig von dem Projekt Altes-Leipzig haben sich mittlerweile viele dieser Vision angeschlossen – teils mit unterschiedlichsten Schwerpunkten. Es wurden von anderen Forschern wichtige genealogische Bestände aufgearbeitet und bewertet (siehe Kartei Leipziger Familien – Staatsarchiv und CompGen-Verein). Auch weist der Buchhandel mittlerweile eine Mehrzahl von Büchern, die sich dem Thema stellen, auf (siehe Schmotz – Leipziger Professorenfamilien, Hübner – Die Familie KEES u.a.). Eine wichtige Bekanntschaft war auch das Treffen mit Prof. Georg Fertig von der Uni Halle, der immer mehr Doktoranden mit Themen zur soziokulturellen Entwicklung von Städten beauftragt. Hier wurde er auf Leipzig aufmerksam, da sich die Quantität und Qualität der Daten immer weiter verbessert und so fundierte Aussagen zu Entwicklungsprozessen gemacht werden können.

Ansicht der “Pleissenburg” im historischem Stadtmodell

So weit, so gut und doch fehlt mir als Leipziger immer noch die menschliche Komponente. Ich möchte gern, dass man in Geschichte eintaucht, das man erleben und erfahren kann, wie vor 200 Jahren gelebt, geliebt und gelitten wurde. Das wir eine Ahnung davon bekommen, warum so viel Normales und Bekanntes unseres heutigen Alltages und Stadtbildes die Zeit überdauert und Widerhall gefunden hat.

Meine Vision ist ein Arbeitskreis in einem genealogischen Verein, in dem die Forscherinnen und Forscher mehr noch die Familien und ihre Stammbäume, ihre Berufe und sozialen Situationen beleuchten. Dass wir den Familien und Personen Bilder und eine Stimme geben, damit wir ihre Geschichten erfahren können. Dabei können wir schmunzeln, überrascht und angetan sein, aber ebenso auch leiden und die historischen Umstände auf uns wirken lassen.

Man hört und liest immer von der schwierigen Zeit mit Cholera, der hohen Todesrate der Frauen bei der Geburt ihrer Kinder, dem Hunger einiger, dem Kampf um Arbeit von vielen, der Landflucht und städtischen Expansion. Ebenso von den Festen und Empfängen Privilegierter, dem sonntäglichen Umrunden der Promenade als Schau der städtischen Seele. Von dem Treffen in den Kaffeehäusern, der Diskussion und dem Kunstaustausch, der Ausnahmesituation zu Zeiten der Messen und vieles mehr.

Familiengrabanlage KONZE auf dem Leipziger Südfriedhof

Diese Vielfalt an kleinen und großen Geschichten ist es, die ich gern gemeinsam mit den Mitgliedern des Arbeitskreises in die Genealogien der Leipziger Familien einfließen lassen würde. Wer hat Lust, möchte unterstützen und beitragen, hat Vorschläge oder auch andere Visionen, um sich der Leipziger Personen- und Familiengeschichte auf unterschiedliche Art zu nähern? Gern die Gedanken aufschreiben und ein Feedback unter wehlmann@altes-leipzig.de geben.

Zur Zeit werden in verschiedenen Initiativen Forschungen zu Personen der Stadt Leipzig erstellt (Notenspur, Stolperstein, Industriekultur, Bacharchiv, Frauenbewegung u.a.). Das Projekt „Altes-Leipzig“ zum Beispiel versucht in einer Plattform Personendaten zusammenzuführen und kostenfrei einer Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Ebenso arbeitet das Projekt „Time Machine Leipzig“ gemeinsam mit Stadt- und Staatsarchiv, Uni Halle und CompGen-Verein an einer Illustrierung von Stadtgeschichte im Rahmen eines EU-Projektes.

Dies ist nur ein kleiner Teil der vielen Aktivitäten und doch ist dies alles getragen von Bürgerarbeit und freiwilligen bzw. ehrenamtlichen Hilfen von interessierten Menschen nicht nur aus Leipzig. Ein AMF-Arbeitskreis Leipzig könnte, und dies nur als ein möglicher Vorschlag, diesen Prozess der Entwicklung qualifiziert und quantitativ unterstützen.

Links zum Thema:
– Time Machine Leipzig – https://www.timemachine.eu/ltm-projects/leipzig-3d
– Initiative “Altes-Leipzig” – https://www.altes-leipzig.de/leipziger-familien
– ca. 250.000 Datensätze in DES eingepflegt – Kartei Leipziger Familien


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