Das “Käseblättchen” von einst als Fundgrube des heutigen Familienforschers!

Die Familie meiner Großmutter führt mich in das oberschlesische Steinkohlenrevier.  Auch diese Region übte im letzten des Drittel des 19. Jahrhunderts eine Anziehungskraft auf alle die Söhne und Töchter kinderreicher und armer Familie des bäuerlichen Umfeldes aus.

So verschlug es auch meinen Ahn Florian Cencarek, Sohn eines Stellenbesitzers aus dem 400 Seelen zählenden Landsmierz im Kreis Cosel, in das 60 km entfernte Beuthen. Hier finde ich ihn zwischen seiner Heirat 1869 und den Taufen der Kinder bis 1872 als Lohnfuhrmann, Kutscher und Lohnkutscher. Danach war sein Verbleib für mich lange Zeit unbekannt. Das früheste Beuthener Adressbuch von 1880 führt eine „Czenczarek, Anna, Wwe., Langestr. 23“, seine Ehefrau. Also musste der Tod zwischen 1872 und 1880 erfolgt sein.

Dank der Datenbank Östliche preußische Provinzen, Polen, Personenstandsregister 1874-1945 auf Ancestry fand sich schnell seine Sterbeurkunde von 1879, die Aufschluss über den Tod gab: „[16.09.1879] nachmittags um zwei Uhr  vor dem Haus Lange Straße Nr. 37 als Leiche aufgefunden“. Das Kirchenbuch konnte als Todesursache einen Gehirnschlag ergänzen.

Quelle: Ancestry, StA Beutehn/OS, Register C, 1879, Nr. 613

Dieser Forschungserfolg ist nun ein paar Jahre her und ich war ganz zufrieden mit meinem Fund. Ich stellte mir vor, wie der gute Florian nach einem arbeitsreichem Vormittag vom Kutschbock stieg und beim Betreten seines Hauses einen Schlag bekam und tot im Eingangsbereich seines Hauses zusammensank.

Nun erhielt ich vergangenes Jahr über die Oberschlesien-Mailingliste die Nachricht, dass der Oberschlesische Wanderer digitalisiert und in der Schlesischen Bibliothek Kattowitz frei einsehbar sei. So ein Unglücksfall wie der des Florian Cencarek müsste doch eigentlich der lokalen Zeitung ein paar Zeilen wert gewesen sein, dachte ich mir. Das Todesdatum hatte ich ja und so machte ich mich „digital“ an die Zeitungslektüre Anno 1879.

Die Volltextsuche in den Digitalisaten brachte keine Treffer. Also suchte ich rund um das Todesdatum 16. September 1879 die Zeitungen durch. Am 19. September fand sich unter „Kleine Notiz“ doch wahrhaftig etwas zu meinem Florian: „Ein in Beuthen auf der Langenstraße wohnender Kutscher Namens Cengarek hat sich in einem Irrsinn-Anfalle aus seiner in der dritten Etage belegenen Wohnung auf das Straßen-Pflaster hinabgestürzt und hierbei seinen Tod gefunden.“

Der Oberschlesische Wanderer, 1879, Jg. 52, Nr. 110 (19. September 1879), Seite 2 (rechte Spalte)

In der Zwischenzeit konnte ich durch akribische Suche weitere Hinweise auf das Leben meiner Vorfahren finden. So fand ich für den Sohn des Florian Cencarek, Paul, 1930 auf seinen Tod eine Anzeige des „Deutscher Verein gegen den Alkoholismus“, den er mit großem Fleiß und Eifer in Beuthen wie Gleiwitz unterstützt habe. Ob dieser Fleiß und Eifer aus den Todesumständen seines Vaters herrühren ist nicht bekannt.

Quelle: Der Oberschlesische Wanderer, 1930, Jg. 103, Nr. 131, Seite 8

Auch wenn das Dargestellte nicht unseren mitteldeutschen Forschungsraum betrifft, so soll aber deutlich gemacht werden, dass sich ein Blick in die inzwischen zunehmend digitalisiert vorliegenden Tageszeitungen von einst lohnt. Diese werden oftmals dem Begriff „Käseblättchen“ gerecht, was uns aber heute sehr hilft.

Eine Übersicht der digitalisierte Tageszeitungen findet sich im GenWiki.

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Eine Antwort

  1. Dorothee sagt:

    Sehr ausführlich recherchiert, lieber Markus!
    Weiter so !

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