Justina TUBBE – Familienforschung in Zeiten vor Computer und Internet

Ein Forschungsbericht von Gisela Laudi (Teil 2)

Ein toller Fund – und wie mich die Tante meiner Ur-Urgroßmutter faszinierte

Frage die Alten, bevor Überlieferungen verloren gehen! Als wir 1983 die Wohnung einer Tante auflösten, sahen wir, sie hatte nichts, gar nichts wegschmeißen können: Glück für Familienforscher! Zwischen Trödel und Papieren fand sich auch ein Manuskript zu einer Rede, mit Bleistift geschmiert, durchgestrichen und verbessert. Anlass war ein großes doppeltes Jubelfest: Marie und Hermann KLAETSCH, meine Urgroßeltern, hatten 1885 ihre Silberhochzeit gemeinsam mit der Goldenen Hochzeit von Maries Eltern gefeiert: meinen Ur-Urgroßeltern WILHELMINE und RUDOLF FÖRSTER.

Foto in Familienbesitz Laudi

„Stralsund im Jahr 1885
Unser Jubelbräutigam Rudolf FÖRSTER“, entzifferten wir, „ist in Liegnitz geboren, und musste nach dem Tod der Eltern das Gymnasium verlassen […] Unsere Jubelbraut Wilhelmine als eine geborene TUBBE ist das Bild einer tugendsamen Hausfrau!“ hieß es darin. „Sie ist 1814 in ODERBERG geboren, die Eltern starben früh, und sie kam zu Verwandten in Pflege […] in Berlin war sie in Stellung bei den besten Familien wie dem Herrn Minister von Massow, lernte dort den Gürtlergesellen Rudolf Förster kennen, der als fescher Sonntagsreiter vor ihrem Fenster Parade ritt […] sie heirateten in der Nikolaikirche und kauften sich alsbald – durch beidseitiges Vermögen in den Stand gesetzt – ein Haus am Markt von Prenzlau, wo der Jubelbräutigam vor nunmehr 50 Jahren seine Bürgerrechte als Gürtlermeister nahm […]“

ODERBERG? – keine Ahnung wo das ist! Im Osten hinter der Mauer. UNERREICHBAR!

Das gefundene Manuskript

Aber gleich nach dem Fall der Grenze fingen wir an, das Land meiner Vorfahren mit dem Wohnmobil zwischen Stralsund und Annaberg zu erkunden: Potsdam – Pretzsch – Prenzlau …
Als wir 1995 nach Süden fuhren, hielten wir zufällig neben einem Wegweiser: Oderberg 18 km!

Dass dieses Schild unser Leben über Jahre leiten würde, ahnten wir noch nicht. Es würde uns in intensive Genealogie weisen, und die dazugehörige Geschichte würde uns Reisen nach Texas bringen und schließlich zum Schreiben meines historischen Romans JUSTINA TUBBE führen. 

„Erinnere dich“, sagte ich zu meinem Mann Jürgen Laudi, den ich mit meinem Hobby Familienforschung angesteckt hatte, „in Oderberg – da hab ich doch auch noch eine Ur-Urgroßmutter!“ Kurzentschlossen änderten wir unsere Pläne und kamen in ein hübsch gelegenes altes, aber leider ziemlich verfallenes Städtchen an der ‘Alten Oder’. Erst stiegen wir auf den Albrechtsberg über der Kirche und genossen den Blick über das weite Oderbruch.

Dann klingelten wir beim Kirchenbüro. „Ob wir mal in die Kirchenbücher sehen könnten? Meine Ur-Urgroßmutter ist eine geborene TUBBE.“ 

Wir wurden unglaublich nett empfangen, schauten ins erste Buch, und gleich sprangen uns die Eintragungen der TUBBEs in die Augen. Das würde erfolgreich werden, aber es würde so seine Zeit brauchen.
„Dürfen wir morgen wiederkommen?“
„Ab sieben sind wir hier!“
– das waren wir dann auch! Der Pastor räumte seinen Tisch frei und die Helferin brachte uns die dicken alten Wälzer, die bis zur Wende unbeachtet auf dem Dachboden verstaubt waren. Wir empfinden diese alten Schriften als etwas Wunderschönes und können sie meist auch gut lesen. Dieses alte Papier, oft ein paar hundert Jahre alt, das mit der Gänsefeder beschrieben wurde – es ist etwas Unbeschreibliches, darin stöbern zu dürfen. Wir durften sie in die Hand nehmen!

Da war sie: WILHELMINE TUBBE! 1814 geboren. O weh, bei ihrer Geburt war ihr Vater bereits tot! Und die Mutter? Auch sie starb schon, als Wilhelmine noch keine sechs Jahre alt war. Gerade erinnerten wir uns, dass im Manuskript der Rede erwähnt wurde, dass sie von Verwandten großgezogen wurde, da zeigte uns Frau B. einen Brief:

„Schauen Sie mal, vor ein paar Jahren, hat da einer aus Amerika geschrieben, hier … in Englisch, können Sie das lesen?“

Absender: JOHN TUBBE aus Nacogdoches, Texas, USA. Er suchte seinen Urgroßvater AUGUST TUBBE und eine “JUSTINA UNKNOWN“.

Donnerwetter, das war nun doppelt spannend. Bald fanden wir Wilhelmines Onkel, den Carl Ludewig TUBBE, Garnwebermeister, der 1813 die 18jährige JUSTINA, geborene Hein, geheiratet hatte. Das erste Kind kam 1815 – und beim letzten Kind AUGUST war sie schon 47 Jahre alt! Neun Kinder und dazu noch zwei Waisenkinder im Haus – auch meine Ahnin! Als 60jährige Witwe, im Jahr 1855, entschied sich Justina, zu zweien ihrer Kinder nach Texas auszuwandern, gemeinsam mit noch zwei Söhnen, einer 40 und der andere 14 Jahre alt! WOW!

Ich war fasziniert von dieser beeindruckenden Frau JUSTINA TUBBE.

John Tubbes Urgroßvater und meine Wilhelmine waren also tatsächlich Cousins! Verwandtschaft in Amerika! Nach ein paar Tagen kauften wir eine Ansichtskarte, kramten unseren dünnsten Stift und unser bestes Englisch heraus und schrieben: „Dear Mr. Tubbe!“… wussten wir denn, ob er überhaupt noch Interesse daran hatte? Ein bisschen neugierig konnten wir ihn ja schon machen.

Familienstammbaum

„Wir haben alle Daten. Keine Sorge, wir haben keinerlei finanzielle Interessen …“ Wir steckten die Karte ein und verlebten noch ein paar Tage in und auch außerhalb des Kirchenbüros, aber mit einer riesigen Packpapierrolle, auf der wir versuchten, den ganzen Verwandtschaftsstamm, bis zurück zum Anfang der Kirchenbücher 1690 graphisch darzustellen. Wer das mal versucht hat, weiß, dass das gar nicht so einfach ist.

Kaum waren wir wieder zu Hause bei Kiel, klingelte vormittags das Telefon. Anruf aus Texas! Ein vollkommen aufgelöster und begeisterter Mister TUBBE, der sich allerdings „Tabby“ aussprach, wollte alles, alles, alles wissen … wir sprachen in Englisch bestimmt eine halbe Stunde! Und er verstand mich und ich ihn, das war das Allerbeste! Man muss sich vorstellen: Es war dort morgens um 4 Uhr! JOHN und seine SARAH TUBBE hatten nach einer Party unsere Postkarte gefunden und waren extra lange aufgeblieben – 7 Stunden Zeitverschiebung!

Es entstand ein großartiges gemeinsames Forschen, und blieb mit SARAH TUBBE sehr intensiv. Brief um Brief ging hin und her – ein Computer stand bei Tubbes nicht. In jedem Umschlag fanden wir spannende Neuigkeiten. Computergenealogie steckte erst in den Kinderschuhen und hätte uns nun auch nicht mehr viel weiterhelfen können.

Haustrauung des Garnwebermeisters Tubbe mit Justina Friedrica Heine

Aber alle Daten aus Kirchenbüchern können nur das Gerippe der Familienforschung sein, nun erforschten wir gemeinsam das „Fleisch auf die alten Knochen“. Wie hat die Weberfamilie TUBBE ihr Leben in Preußen und Texas gelebt? Warum ist JUSTINA TUBBE ausgewandert?

… ein Thema gab dem anderen die Hand – und wir verlebten alle Schulferien im Wohnmobil als Zeit zwischen Stadtarchiven, Kirchenbüros, Uni-Instituten, Museen, Bibliotheken, dem Staatsarchiv, Antiquariaten und vielen interessanten Gesprächen.

Einmal konnten wir im Oderhochwasser helfen – aber das habe ich ja schon im vorigen Blogbeitrag mitgeteilt! Von weiteren Forschungen berichte ich in einem dritten Teil.

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