Von genealogischer Forschung zum historischen Roman

Ein Forschungsbericht von Gisela Laudi (Teil 3)

Teil 1 beschrieb das Erleben des Oderhochwassers 1997 während unserer Familienforschung. Teil 2 berichtete, wie es dazu kam, dass mich die Tante meiner Ururgroßmutter faszinierte. Und in diesem 3. Teil erzähle ich, wie unsere Recherchen in Deutschland und Texas uns zu vielen weiteren Themen und Abenteuern führten.

Bremerhaven (Foto Jürgen Laudi)

Wir hatten also 1995 mit John und Sarah Tubbe in Texas Kontakt aufgenommen, denn John hatte an das Kirchenbüro in Oderberg geschrieben, dass er nach seinem Urgroßvater August TUBBE und dessen Mutter Justina UNKNOWN suche. Wie wir nun schon wussten, war sie im Jahr 1855 als 60jährige Witwe ausgewandert, zusammen mit zwei Söhnen, der älteste war 40, und der jüngste Sohn August erst 14 Jahre alt.

Jede Tubbe-Neuigkeit ging nach Texas, und sie schickten uns alte Testamente, Urkunden, Familiensagas und Bilder u.a.

Im Heimatmuseum Oderberg fanden wir einen tüchtigen Helfer, der uns sehr mit Wort und Tat unterstützte. Wir erhielten die Hauskartei, die Bürgerlisten, Tipps und Zeitungsartikel und konnten uns revanchieren mit all den Informationen der Ortsgeschichte, die wir beim tagelangen Stöbern in den alten Oderberger Archivalien, damals noch in der Potsdamer Orangerie (Brandenburgisches Landeshauptarchiv), gefunden und entziffert hatten. Wir sahen Auswanderungsunterlagen, Hausakten, Prozessakten, Kaufverträge, Schulvisitationen, die Geschichte der Oderhochwasser, Steuerlisten, Bürgerzählungen, Statistiken, Bürgereide, die Niederlagsgerechtigkeit, Edikte, Testamente, Stadtbücher von Kremmen und Oderberg, Listen von Gesangverein und Schützenverein, Flurkarten, Akten über die Kirchenglocken und noch vieles mehr. Ein Thema gab dem anderen die Hand.

Einmal sind wir sogar in das Gebälk des Kirchturms von Oderberg geklettert und haben die Oberfläche der Kirchenglocke abgepaust, weil keiner wusste, welche eingegossenen Namen darauf standen – auch der meines Vorfahren PINKPANK war dabei.

„Laß uns nach Texas fliegen“

Viele Male flogen wir über den großen Teich zu unseren Genealogie-Freunden. John und Sarah TUBBE hatten sich nach frühem Ruhestand ein Haus in Nacogdoches auf dem vom Urgroßvater August ererbten Land gebaut, auf einem Hügel mitten im Hochwald. Nicht weit davon findet man die Reste des Holzhauses, in dem August mit seiner Frau Maria lebte und seine Kinder großzog. Es ist ein wunderbar ruhiger friedlicher Platz mit einem riesigen Pecan-Baum, der Baum unter dem Justina saß.

Immer mehr konnte ich mich in Justinas Leben einfühlen und schlüpfte langsam in ihre Haut. Ich stellte mir vor, wie ich selbst unter dem Pecanbaum sitze und mein Leben aufschreibe. Meiner deutschen Schwiegertochter Maria berichte ich von meinen Jahren in Oderberg, der Überfahrt im Dreimastsegler TUISKO und was ich hier in Texas alles erfahre. Vieles ist so ganz anders hier, aber es gibt andererseits so vieles, was sich offenbar immer wiederholt.

Dreimastbark Tuisko, Öl-Orginal im Focke Museum Bremen,
Foto J. Laudi / Schiffsdaten Tubbe-Buch S. 167

Ich fing an zu schreiben, und schließlich wurde aus den genalogischen Daten und historischen Fakten ein Roman**, umgarnt mit Phantasie. Unser Schicksal verband sich mit dem von Justina TUBBE.

Denn nun ging das Forschen erst recht weiter: Ob in Bad Freienwalde, Potsdam, Prenzlau, Berlin, Wiesbaden, Siegburg, Düsseldorf, Boppard, Oldenburg, Bremen. Es ging in viele Kirchenbüros und Archive, Museen, Institute und Ausstellungen. Ohne unser Wohnmobil wären wir unmöglich so beweglich gewesen.

Alles wurde interessant, denn natürlich spielt auch die Weltgeschichte in ein Schicksal hinein, wie auch: Kultivierung des Oderbruchs – Napoleon – Handwerksrecht – die 48er Revolution – das technische Zeitalter – Medizin – die Weberaufstände – Landwirtschaft – Eisenbahn – Auswanderung über Bremerhaven – die Zustände auf den Auswandererschiffen und vieles mehr.

Viele Informationen erhielten wir aus Originalakten, Kirchenbüchern und Mikrofilmen, in Statistiken, Fahrplänen, damaligen Zeitungsartikeln und wissenschaftlichen Arbeiten. Wir sahen die Schiffspassagierlisten in der Uni Oldenburg (DAUSA) durch, fanden das Ölbild des Auswandererschiffs TUISKO und dessen Gallionsfigur, suchten Volkskunde mit Sitten und Gebräuchen in der Uni Berlin und Kiel und in Antiquariaten, alte Stiche und Ansichtskarten auf Flohmärkten …

New Orleans 1855 / Kuno Damian Freiherr v. Schütz-Holzhausen: Texas – Rathgeber für Auswanderer, Wiesbaden 1846* (Uni Göttingen)

Verfasser von Sekundärliteratur berichteten uns von den verschiedensten Themen in Zeitberichten, Briefen, Infos, Erzählungen, wie z.B. auch Theodor Fontane mit der „Lunow-Geschichte“ oder dem Märchen vom „Böttcher in Freyenwalde“ oder über die Drehorgel des Kronprinzen und die Familie des Königs etc. Wir erkundeten die Geschichte des Texasvereins mit Prinz Braunfels und die Gegend im Land an der Sieg. Von dort stammten die deutschen Nachbar-Familien in Texas REIDER, KOLB, SEELBACH und HELPENSTELL.

Texas 1846

Themen in Texas waren u.a. Flurkarten, der amerkanische Bürgerkrieg mit Militärlisten – Baumwolle – Sklaven – KuKluxKlan – Viehtrieb – das erste Öl – Hass auf die deutschen Einwanderer – Erbschaften – Urkunden usw. Dort suchten wir selbst nach Gräbern, den Resten der Wohnhäuser, Daten in Austin, Nacogdoches und Friedrichsburg und nach Überlieferungen. Auch Storys, wie man Blockhäuser baut, Hunde mit Waschbären kämpfen lässt oder die Geschichte des St. Denis, dem Bericht einer Expedition und Verhandlungen mit den Indianern in Friedrichsburg.

August TUBBE und Mary, geborene Kolb (Familienbesitz Tubbe)


Fakt ist, dass August, der 1855 erst 14jährige Auswanderer, trotz Teilnahme am Bürgerkrieg und vielen Ehrenämtern nicht offiziell Amerikaner wurde. Obwohl er reitender Pastor und Kirchengründer wurde, viel Land und Vieh besaß und hoch angesehen war, kam er im ersten Weltkrieg als „feindlicher Ausländer“ ins Gefängnis. Man hatte belauscht, dass er mit seiner MARIA ein deutsches Abendlied gesungen hatte!

Wir bewunderten das Poesiealbum von Justinas Tochter Caroline im Besitz unserer TUBBE-Freunde, das Justina aus ihrer Heimat mitgenommen hatte. Ab 2005 würde es viele Jahre lang (bis 2018) im „Deutschen Auswandererhaus“ in Bremerhaven ausgestellt werden.

Es waren Jahre voller toller Abenteuer und Spannung! Das Manuskript des Romans wurde fertig. Es sollte noch länger aufregend bleiben: Das möchte ich im Teil 4 berichten!


Redaktionelle Anmerkung: Ausgelöst durch den zu Widerspruch anregendem Aufsatz in der ZMFG – Heft 1/2021, Aktuelle Probleme der Genealogie und die „Leipziger Richtlinien“, folgte in diesem Blog der Vorschlag zu einer Debatte darüber, wozu wir heute genealogische Forschung betreiben. Der vorstehende Beitrag gibt eine der vielfältigen Antworten und kann insofern als ein Debattenbeitrag gesehen werden.

Wer in den Forschungsberichten von Gisela Laudi gerne einen genealogischen Überblick der familiären Zusammenhänge hätte, findet eine Übersicht in einer archvierten Ahnenliste (archive.org)


*) Ausführlicher Titel: Kuno Damian Freiherr v. Schütz-Holzhausen: Texas. Rathgeber für Auswanderer nach diesem Lande. Mit besonderer Unterstützung des Vereins zum Schutze Deutscher Einwanderer in Texas. Nebst der neuesten, im Jahre 1845 aufgenommenen Karte und mehreren Briefen deutscher Ansiedler in Texas, Wiesbaden (1846)
**) Laudi Gisela: Justina Tubbe, Der weite Weg einer Brandenburgerin vom Oderbruch nach Texas, Bad Münstereifel 2000 (Westkreuz-Verlag).

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

17 − 11 =