Volkssturm in Wildau / April 1945

von Norbert Seyer

Familienerlebnisse und zeitgenössische Ereignisse werden mit einem zeitlichen Abstand zur Gegenwart zu Geschichte. Unsere Familiengeschichte ist damit immer auch eingebettet in Heimat-, Orts- und Zeitgeschichte. Dabei schaffen Tagebücher und Briefe eine besondere Authentizität. Als 1945 kurz vor Kriegsende die russischen Armeen Berlin umklammerten, ließen in den letzten Apriltagen viele Männer des verzweifelt aufgebotenen Volkssturms in Gefechten um örtliche Stellungen ihr Leben. Einer von ihnen war der Urgroßvater des Autors. (Blog-Redaktion)

Familienbild Cichy

Der Urgroßvater des Verfassers wurde in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs noch zum Volkssturm eingezogen und erlebte das Kriegsende nicht mehr. Seine Einheit war zur Verteidigung der Wildauer Autobahnbrücke eingesetzt worden, um die heranrückende Rote Armee abzuwehren. Die Kämpfe in und um Königs Wusterhausen und Wildau sind im Zusammenhang mit der Kesselschlacht von Halbe und dem Kampf um Berlin zu betrachten. Kurz nach seinem Tod wurde Franz Cichy in einem Massengrab auf dem Friedhof in Hoherlehme begraben. Die wichtigste Quelle für die Ereignisse um den Tod von Franz Cichy im Hoherlehmer Wäldchen ist das Tagebuch seiner Frau Gertrud, geborene Hoffmann, der Urgroßmutter des Verfassers. Auch in einem Brief vom November 1945 an ihre Tochter Elisabeth schildert sie die Ereignisse um seinen Tod detailliert. Die Zitate daraus sind wörtlich wiedergegeben.

Zur Person

Franz Cichy wurde am 10. Oktober 1889 in Wegierki (dt. Wilhelmsau) als Sohn des Ackerwirts Josef Cichy und seiner Frau Agnes Piatyszek geboren. Wegierki gehört heute zur polnischen Stadt Września (Wreschen) in der Woiwodschaft Großpolen und befindet sich etwa 50 km östlich von Posen. Um die Jahrhundertwende zogen die Eltern von Franz Cichy vermutlich mit allen Kindern nach Wildau. Ab 1903 lassen sich kirchliche Handlungen der Familie im Kirchenbuch von St. Elisabeth Königs Wusterhausen nachweisen.

Franz Cichy arbeitete in den Wildauer Werken von Schwartzkopff als Lackierer. Er soll Zeit seines Lebens Deutsch mit starkem Akzent gesprochen haben, Polnisch hingegen sprach er gut. Aus diesem Grund betreute er während des Krieges auch polnische Zwangsarbeiter in den Schwartzkopffwerken. Franz Cichy wohnte mit seiner Frau in Wildau, in der Schwartzkopffstraße 89. Wann genau er zum Volkssturm eingezogen wurde, lässt sich nicht feststellen. Eingesetzt war er in der A-Kompanie 287.[1]

Ablauf der Ereignisse

Mit der Schlacht um die Seelower Höhen hatte am 16. April 1945 der Angriff auf Berlin begonnen. In einer großen Umfassungsbewegung in den darauffolgenden Tagen wurde die 9. Deutsche Armee von der 1. Ukrainischen und der 1. Weißrussischen Front eingekesselt. Diese Umfassungsbewegung endete in der Kesselschlacht von Halbe. Die Nahtstelle der beiden sowjetischen Armeen beim Schließen des Kessels lag bei Bohnsdorf. Am 24. April wurde dort der Kessel geschlossen. Neben versprengten Wehrmachtseinheiten operierten im Raum Königs Wusterhausen, Ragow, Mittenwalde und Wildau noch größere Teile der 21. Panzerdivision (21. Pz.Div.), Teile der SS-Panzer-Aufklärungs-Abteilung 10 (SS Pz.Aufkl.Abtl.10) und Reste der 2. SS Panzerspähkompanie. Unterstützung leisteten Einheiten des Volkssturms. Mit der Schließung des Kessels standen diese Einheiten in ständigen Abwehrkämpfen mit den sowjetischen Einheiten, deren Ziel es nun war, den Kessel weiter zusammenzudrücken.[2]

Messtischblatt Wildau

Die Volkssturmeinheit von Franz Cichy hatte in der Nacht vom 24. April auf den 25. April 1945 zunächst stundenweise Wache an der Autobahnrücke. Gegen fünf Uhr morgens kam er noch einmal in den Keller zu seiner Frau, die dort mit einigen Flüchtlingen Schutz gesucht hatte. Anschließend sollte die Einheit in die nahe gelegenen Lauseberge verlegt werden. Wildau lag zu dieser Zeit bereits unter Artilleriebeschuss. „Als es grau wurde, gingen wir mal auf die Strasse, da wurden Panzer aufgefahren, an der Brücke einer, am Konsum und am Turnplatz. Nun ging die Schiesserei immer toller los, es klirrte und krachte und man dachte, das Haus stürzt zusammen.“[3]

Am Morgen des 25. April 1945 rückten Einheiten der Roten Armee weiter vor. Der Stab der SS Pz.Aufkl.Abtl.10 hatte seinen Gefechtsstand in Sichtweite des Funkerbergs eingerichtet und musste unter dem Druck zurückweichen.[4] In unmittelbarer Nähe des Funkerbergs, kurz vor der Siedlung am Hoherlehmer Wäldchen, hatte sich der Wildauer Volkssturm eingegraben und wurde in die heftigen Kämpfe verwickelt. Die Rote Armee griff mit Panzerunterstützung und Infanterie, unter eigenen hohen Verlusten, an. Die Kämpfe wurden erbittert geführt, zahlreiche Soldaten beider Seiten ließen hier ihr Leben. Am 25. bzw. 26. April 1945 wurden Königs Wusterhausen, Wildau und Hoherlehme von der 152. Schützendivision der Roten Armee eingenommen und besetzt.[5]

Cichys Tod

Kurz nach dem Ende der Kämpfe kamen die ersten Volkssturmmänner aus ihren Einsatzgebieten zurück. „Ich fragte Herrn Schmidt nach meinem Mann, er sagte, daß der Beschuss so stark gewesen sei, dass man annehmen könnte, dass mancher verloren sei.“[6] Als einen Tag später, es war ein Samstag, Franz Cichy immer noch nicht zurückgekommen war, ging ihn Gertrud Cichy auf eigene Faust suchen. Unterwegs traf sie Hr. Faltinski, den Zugführer seiner Einheit: „Ich sprach ihn an, ob er etwas von meinem Mann wüßte, er frug nach seinem Namen, ich nannte ihn, er sah mich einen Moment fest an und es war mir gewiß, das er etwas unangenehmes zu sagen hätte, dann fasste er meine Hand und sagte, Frau Cichy, ihr Mann ist tot, er war der erste von meinen Leuten, den ich gegen 11 Uhr tot fand, er war noch warm.“

In Begleitung des Zugführers machte sich Gertrud Cichy auf den Weg, ihren Mann zu suchen. Sie gingen bis zum Hoherlehmer Wäldchen hinter der Siedlung. „Da sah ich mit einer Tarndecke bedeckt einen Toten liegen. Der Zugführer hob die Decke und ich bin erschrocken über diesen Anblick, darunter lag mein Mann.“ Daneben lagen weitere Tote. Ein Leutnant der Waffen-SS, ein Hitlerjunge und zahlreiche sowjetische Soldaten. Die Umstände, wie Franz Cichy genau zu Tode kam, sind nicht ganz klar. Seine Frau beschreibt, dass eine offensichtliche Verwundung auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. Der Zugführer vermutete wohl einen Granatsplitter, da hinter dem Schützenloch die Bäume stark zersplittert waren. Ein anderer Zeuge sprach von einem Bauchschuss. Dem Toten hatte man schon die Schuhe ausgezogen und die Papiere und die Geldbörse gestohlen.

Nach dem Schock, dass ihr Mann gefallen war, lief Gertrud Cichy über den Funkerberg nach Königs Wusterhausen, um ihren Schwager Felix Cichy zu benachrichtigen: „Dort war kein Durchkommen, denn in der Cottbuser Allee (sic!) waren Massen von Russen, Fußvolk Reiter und Fahrzeuge.“ In Königs Wusterhausen verständigte sie mehrere Personen, um die Bergung des Leichnams zu organisieren.

Durcheinander

Auf dem Rückweg nach Wildau, am Krankenhaus und an der Bahn entlang, geriet Gertrud Hoffmann mit einem russischen Soldaten aneinander, „[…] ein Russe kam auf mich zu gerannt und rief immer: Komm, komm! Ich ging nicht. Dann war er vor mir und wollte energisch mein Mitkommen erzwingen, ich rief laut um Hilfe und fing an zu schreien […] Es kamen Leute aus den Häusern und ein Offizier stand neben dem Schützenhaus. Ich lief nun quer über die Schienen. Der Kerl schoss mir 3x nach, aber ich ging weiter und kam unbelästigt in Wildau an.“

Am Sonntag, es war bereits der 29. April, konnte Franz Cichys Bruder Felix endlich nach Wildau zu seiner Schwägerin kommen, um gemeinsam mit ihr den Leichnam zu bergen. „Wir kamen bei Lehmann vorbei, den wollte ich bitten, meinen Mann nach Wusterhausen zu überführen. Herr Pfarrer wollte ihn neben der Kirche beerdigen. Herr Lehmann sagte, dass er die Toten schon nach dem Friedhof in Hoherlehme-Wildau [gebracht] hätte am Vormittag und dass sie sofort eingebuddelt worden wären.“

Letzte Ruhe

Ein großer Schock für Gertrud Cichy, dass ihr Mann ohne ihr Wissen abtransportiert worden war. Am Friedhof musste sie mit Entsetzen auch noch feststellen, dass Franz Cichy als unbekannter Volkssturmmann vergraben wurde. „Er liegt an 8. Stelle. 2 S.S. Soldaten aus Hamburg, ein Leutnant von der S.S. ein unbekannter Hitlerjunge ein paar fremde Soldaten und 3 Volkssturmmänner von Wildau, Seeger, Heimann u Merkel, im ganzen 18 liegen darin. Daneben eine Mutter, die ihren 6 Jahre alten Jungen und sich erschossen hat, dann noch einige Gräber mit mehreren Personen.“[7]

Einige Wochen später hatte Gertrud ihrem Mann ein kleines Holzkreuz gefertigt, das sie zusammen mit Blumen auf dem Grab aufstellte. Franz Cichy liegt lt. Friedhofregister der Stadt Wildau in der Sammelgrabanlage 4, in der insgesamt 66 Personen begraben sind. Das stimmt jedoch nicht mit den Schilderungen Gertrud Cichys überein. Nach ihren Angaben liegt ihr Mann unweit der Friedhofskapelle in dem kleineren Massengrab, auf dem heute ein Gedenkstein für die Opfer des Krieges steht.

In den Kämpfen um Wildau starben mehr als vierzig Soldaten der Wehrmacht und des Volkssturms. Sie sind auf dem Friedhof in Hoherlehme begraben. Die Gefallenen der Roten Armee sind in einer eigenen Grabstelle beerdigt.

(Ausführlicher auf https://ahnengeschichte.de/familie-cichy/ )


[1] Gräberliste für öffentlich gepflegte Gräber der Stadt Wildau, Nr. 9.
[2] Vgl. dazu Herrmann Gerd-Ullrich & Klar Uwe: Der Kessel von Halbe. Von der Oder und Neiße bis zur Elbe, Helios Verlag 2020, S. 120 ff.
[3] Brief an Elisabeth Seyer vom 17. November 1945.
[4] Vgl. „Kessel von Halbe“, S. 120ff.
[5] Ebd. S. 175.
[6] Tagebuch Gertrud Cichy. So auch die folgenden Zitate.
[7] Wie FN 3.


Aus der Literatur zum Kriegsende sei als eines der eindrücklichsten Bücher herausgegriffen und empfohlen, Kempowski, Walter: Das Echolot, Abgesang ’45 / Ein kollektives Tagebuch. (Blog-Red.)

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