Ehrenmitglied Dr. Siegfried Mildner

„Ja haben Sie denn schon ein Modem?“ – Nachruf auf Dr. Siegfried Mildner

Von Harald Mischnick

Im hohen Alter von 89 Jahren starb 3. Juni 2017 unser AMF-Ehrenmitglied Dr. Siegfried Mildner. Wir verloren in ihm nicht nur einen hochaktiven Genealogen, sondern auch eine allseits geachtete Persönlichkeit. Sein Rentnerdasein widmete er der Familie, der Genealogie und der AMF.

Siegfried Mildner wurde am 9. Februar 1928 in Reichstein nahe Königstein in der Sächsischen Schweiz geboren. Er studierte Chemie in Dresden (fast zur gleichen Zeit wie Dr. Rüdiger Berthold, ebenfalls Ehrenmitglied der AMF), promovierte und arbeitete dann in der Kaliindustrie; dabei erwählte er einen seiner Standorte, Sondershausen, zum langjährigen Wohnsitz. Zuletzt fungierte er als Kombinatsdirektor. Aus dieser Zeit berichtete er einst, dass die Salzeinleitung in die Werra vom DDR-Regime mit dem Kommentar angeordnet wurde: „Das geschieht solange, bis die BRD die Elbegrenze anerkennt.“

Schon in den 1980er Jahren, also noch zu „roten“ Zeiten, widmete sich Siegfried der Genealogie und ermittelte seine Vorfahren im Erzgebirge und in der Sächsischen Schweiz. Dabei kamen auch nicht ganz legale Treffen zustande, da ja in der DDR alles organisiert sein musste und Genealogie suspekt war. Seine Frau Traudel war mit in die Arbeit eingespannt, tat das sehr gern, und auch ihre Ahnen ermittelte er. Bald nach der Wende trat er der AMF bei und wurde 1993 auch in den Vorstand gewählt, wo er sich um die Bereiche Nachlässe, Forscherkontakte (FOKO), Archiv und das aufstrebende Internet kümmerte, dessen unermüdlicher Propagandist er in der AMF wurde, und nicht zuletzt seine Kenntnisse in Menschenführung und Motivation erfolgreich anwandte. Seine Berichte als Vorstandsmitglied auf unseren Jahrestagungen läutete er am liebsten mit dem oben zitierten Satz ein: „Ja, haben Sie denn schon ein Modem?“ Das Wort Modem zog er dabei aufmerksamkeitserweckend lang. Was heute schon quasi Steinzeit des Internets ist und vergleichsweise extrem langsam, war damals natürlich hochmodern und schnell. Er erkannte die Zukunft des Internets als wichtiges Kommunikationsmittel und Bereithaltungsplattform auch für historische und genealogische Quellen lange vor Archion und Ancestry. Die seinerzeit, als viele von uns dazu noch keinen Zugang hatten, noch sehr wichtigen Forscherkontakte publizierte er zusammen mit Traudel Mildner in etlichen Jahren als Bände der Schriftenreihe der AMF, und sie hatten auch großen Erfolg. Aufgrund der sich ausbreitenden Internetnutzung sind sie schon lange nicht mehr auf den neuesten Stand gebracht worden, aber möglicherweise noch immer von Interesse, da sie viele Daten hochaktiver längst nicht mehr unter den Lebenden weilender Mitglieder enthalten, ebenso Aufarbeitungen von AMF-Archivalien unter ihren damaligen Nummern.

Seine weiteren Aufgaben als Vorständler der AMF bestanden darin, gemeinsam mit etlichen Helfern, darunter Herr Dr. Berthold und der Schreiber dieses Nachrufs, am damaligen Archivstandort Marburg die dortigen Bestände aufzuarbeiten und die Verlagerung des AMF-Archivs von Marburg, der von unserem damaligen Depositum M 90 belegte Platz wurde anderweitig gebraucht, nach Leipzig in das dortige Staatsarchivgebäude als eigenständiges Archiv zu erreichen. Das gelang nach langen Verhandlungen, bei denen er seine Erfahrungen im Leitungswesen einsetzte, und sein im Archivwesen hochrangiges Gegenüber bescheinigte ihm später, der erhoffte harte Gesprächspartner gewesen zu sein. Am 5. Mai 2000 wurde er Ehrenmitglied der AMF.

Seine Arbeitsergebnisse veröffentlichte er außer bei der AMF in Form einer Reihe schmaler A 4-Bände im Eigenverlag. Er war stets bereit, neue Ergebnisse anzuerkennen, und korrigierte danach seine Ahnenliste und seine Publikationen, trug aber auch selbst zur Fehlerfindung anderer bei, genealogische Quellen eingeschlossen. Ungeachtet seiner vielen Aktivitäten für die AMF übernahm er auch noch die zeitweilige Leitung ihres größten Arbeitskreises, desjenigen für das Erzgebirge, mit weit über 400 Mitgliedern. Dabei knüpfte er enge, oft freundschaftliche, Kontakte zu vielen Genealogen, genannt seien Hanns Berger, Dietmund Reich und Karl-Heinz Hack, die alle drei nicht mehr leben, sowie Uwe Schneider und der Autor dieses Nachrufs. Nachdem sein Nachfolger Christian Bretschneider das Leitungsamt krankheitsbedingt hatte abgeben müssen, ist dieser Posten verwaist, und der Vorstand der AMF hofft, dass sich ein arbeitsgebietnah wohnendes Mitglied der AMF zur Übernahme bereiterklären möge.

Im Alter verlagerte Siegfried Mildner seinen Wohnsitz heimatnahe nach Pirna, was ihm ermöglichte, intensiver die Archive in Dresden aufzusuchen und dort manchmal täglich stundenlang zu arbeiten. Dabei mussten Traudel und er die Flutkatastrophe im August 2002 samt all ihren Schrecknissen miterleben, mussten auch zeitweise ihre Wohnung verlassen, und haben sehr darunter gelitten. Wenige Tage zuvor war ihm im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden die Wiederauffindung wichtiger verschollener, weil falsch eingeordneter, Archivalien aus dem Bestand Amtsgericht Lößnitz gelungen, die eine bedeutende, jahrzehntelange Überlieferungslücke schloss, und er arbeitete seine Funde registermäßig auf. Für ihn, für mich und viele andere bedeutete das, unsere Vorfahren in Lößnitz im Idealfall bis 1370 zurückverfolgen zu können.

Mindestens bis zu seinem letzten Umzug, den er nach dem Tode seiner Frau in eine Seniorenwohnanlage in der Sächsischen Schweiz vollzog, war er aktiver Genealoge, stets auf dem neuesten Stand der Technik, und seine erste telefonische Klage nach dem Umzug war, dass der Internetzugang unbefriedigend sei. Das ließ er aber nicht auf sich beruhen. Siegfried liegt in Sondershausen begraben.

Die AMF wird Siegfried Mildner als Persönlichkeit, Mensch, Ehrenmitglied, engagierten Vorständler und rührigen Genealogen stets dankbar in guter Erinnerung behalten.

(Erweiterte Fassung der Erstveröffentlichung in: Zeitschrift für Mitteldeutsche Familiengeschichte, Jg. 58 (2017), Heft 3, S. 159–160.)


Veröffentlichungen für die AMF

Vereinszeitschrift
  • Der Tote Punkt und die Vornamen, In: Mitteldeutsche Familienkunde, Jg. 33 (1992), Heft 1, S. 220–221.
  • Erfahrungen mit dem genealogischen Datenerfassungsprogramm PAF, In: Mitteldeutsche Familienkunde, Jg. 33 (1992), Heft 2, S. 269–276.
Schriftenreihe
  • 005. Das genealogische Werk von Ernst Költzsch.
  • 026. Das Archiv der AMF : Findbuch Nr. 2, sortiert nach Orten.
  • 061. DAGV – Forscherkontakte – Landeslisten Sachsen-Anhalt : Band 1 (Ausg. 1999), Teil 1: sortiert nach Familiennamen.
  • 062.1. DAGV-Forscherkontakte Liste-Freistaat Sachsen (Ausg. 1999).
  • 063. DAGV-Forscherkontakte Liste-Freistaat Thüringen (Ausg. 1999).
  • 064. DAGV-Forscherkontakte Liste-Freistaat Brandenburg (Ausg. 1999).
  • 065. DAGV-Forscherkontakte Liste-Berlin Band 1 (Ausg. 1999).
  • 088. DAGV-Forscherkontakte, AMF-Landeslisten Sachsen-Anhalt : Band 2.
  • 089. DAGV-Forscherkontakte, AMF-Landeslisten, Freistaat Sachsen : Band 2.
  • 091. DAGV-Forscherkontakte, AMF-Landeslisten Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.
  • 110. Genealogie im Erzgebirge 1.