Aus der Geschichte der Herrnschmiede-Familie Heinevetter zu Heiligenstadt (Eichsfeld) – I

Die Schmiedefamilie

Schmiedefamilie um 1910

Familiengeschichten können sehr spannend sein, viel von Personen, Zeitgeschehen und Örtlichkeiten, aber auch Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ihrer jeweiligen Zeit für die Nachwelt berichten.
Manch spannende, interessante und auch überraschende Facette findet sich, wenn man die Aufzeichnungen der Vorfahren erforscht und sich bemüht, diese weiterzugeben.
So soll auch hier der Versuch gewagt werden, mit dem Mittel des Blogs ein kleines Stück dieser HandwerkerFamiliengeschichte aus einer Schmiede in Mitteldeutschland zu erzählen.
Dies soll im Laufe der Zeit auch in weiteren Beiträgen fortgesetzt werden; gern mag sich, wer sich noch tiefer für die Dinge interessiert, auf der umfangreichen Webseite der Herrnschmiede-Familie noch weiter informieren – im Jahre 2003 konnte ich die bis dahin erforschte Geschichte in einem Jahrbuchbeitrag des Vereins für Eichsfeldische Heimatkunde zusammengetragen.

Eine der bekanntesten und ältesten Schmieden in der Stadt Heiligenstadt (der Ort wird im Jahre 973 urkundlich ersterwähnt) im Eichsfeld war die sogenannte Herrnschmiede, auch die Schmiede der Mainzer Stifts-HERREN, die bereits vor dem Jahre 1600 bestanden haben muss. Sie befindet sich in der heutigen Lindenallee, bis ins 19. Jahrhundert Hausnummer 537, bis ins 17. Jahrhundert Oberstes Viertel der Altstadt, Teilung in vier Viertel gedacht unter dem Alten Rathause (Ratsgasse), in dem auch Thomas Müntzer 1525 mit den Ratsherren verhandelte.

In Heiligenstadt findet sich auch die Herrnmühle, auch Stiftsmühle genannt, die Mühle der Mainzer Stiftsherren, wo die Zusammenhänge zu den Mainzer Stiftsherren bereits intensiv erforscht sind.

Ober- und Untereichsfeld bildeten über viele Jahrhunderte hinweg zur Zeit der Zugehörigkeit zum Mainzer Kurstaat (Mainzer Zeit) bis zum Jahre 1802 eine politische und geographische Einheit. Erst durch die napoleonischen Kriege und deren Folgen führte dies nach der Auflösung des Mainzer Kurstaates dann ab 1815 zur Trennung in das dem Königreich Hannover zugeschlagene Untereichsfeld (um Duderstadt), (heute zu Niedersachsen) und das dem Königreich Preußen zugeschlagene Obereichsfeld (um Heiligenstadt) (heute zu Thüringen).

Schon im Jahre 1632 wird im Kirchenbuch Herrenschmied Jakob Heinevetter erstmals erwähnt. Hier erscheint seine Tochter Margaretha als Taufpatin der Tochter des Kapsmüllers Wildung und so haben wir das große Glück, als Nebenbemerkung die Zuordnung zum Herrnschmied Jakob zu finden.

Anna Margreta des herrenschmidts Jacob heinevetters tochter war pate

Mindestes acht oder neun Generationen der Heinevetter-Familie arbeiteten hier. Die Schmiedewerkstatt, in der einst die Schmiedehämmer klangen, befand sich mindestens seit dem großen Stadtbrand (1739) bis 1964 in dem 1739 neu errichteten Gebäude in der Lindenallee, später Nr. 537 (heute Nr. 27).

Die Herrenschmiede aber ist noch mindestens 100 Jahre älter, wird sie doch, wie oben, bereits 1632 im Kirchenbuch der katholischen Pfarrgemeinde St. Aegidien (sog. Neustadt) erwähnt.

Man kann davon ausgehen, dass der Meister Jakob etwa zwischen 1580 und 1590 geboren sein wird – dies allerdings leider in der Zeit vor Beginn der Kirchenbücher in Heiligenstadt; vermerkt ist hier allerdings im ersten Kirchenbuch der katholischen Pfarrgemeinde St. Marien zu Heiligenstadt sein Sterbedatum im Jahre 1658. Vielleicht findet man – mit sehr großem Glück! -im Laufe der Zeit durch die Aufarbeitung und auch Digitalisierung vieler Archivalien doch noch ein weiteren Hinweis in städtischen oder kirchlichen Akten hierzu.

Am Haus befindet sich heute der Schriftzug:

„1739 – Herrenschmiede – 1964“.

Folgende Herrenschmiede-Meister (Besitzer der Schmiede) sind bisher bekannt:

1.JAKOB HEINEVETTER(um 1590-1658)Herrenschmied lt. Kirchenbuch-Eintragung St. Aegidien aus dem Jahre 1632 (Tochter Margareta)
2.ERNST HEINEVETTER(um 1617-1680)tritt im Bürgerverzeichnis v. 1671 als Eigentümer des (Schmiede-) Hauses auf
3.CHRISTOPH HEINEVETTER(1649-1711)Schmied?
4.HENRICUS HEINEVETTER(1683-1763)1722 Meister der Schmiedezunft zu Heiligenstadt, RE v. 1739/40 vorhanden (Stadtarchiv)
5.CHRISTOPH HEINEVETTER(1729-1798)1758/59 Schmiedemeister, 1781-1782, führt mit Meister David Haber Bücher d. ehrwürdigen Schmiedezunft
6.MARTIN HEINEVETTER(1772-1843)Schmiedemeister – (verünglückt bei einem Jagdunfall)
7.MARTIN HEINEVTTER(1807-1891)Schmiedemeister – half bis in die 1880-er Jahre bei seinem Sohn Franz-Xaver in der Schmiede
8.FRANZ-XAVER HEINEVETTER(1857-1942)ab 1887 Obermeister der Schmiede-Innung, (Ur-Großvater des Autors), Söhne August, Martin, Georg auch Schmied
9.MARTIN HEINEVETTER(1886-1965)letzter Herrenschmied
Herrnschmiede um 1900 mit Obermeister Franz-Xaver Heinevetter (vorn)
Schmiedehaus 1906 – 2003

1963 muss schließlich die Herrnschmiede nach weit über 350 Jahren schließen – altersbedingt und in Folge mangelnden Nachwuchses, der einzige Sohn Martin (geb. 1923) des letzten Herrenschmiedes war 1943 im Krieg gefallen, ein ganz schwerer Schicksalsschlag für die Familie. Bereits ab 1957 wurde die Schmiede vom Mitarbeiter und Schmiedemeister Willi Rittmeier, Großvater der Ehefrau des heutigen Hauseigentümers, noch einige Jahre weitergeführt.

Freuen Sie sich schon auf die Fortsetzung unter den Themen –

“Soli Deo Gloria – Leben nach dem großen Stadtbrand im Jahre 1739” 🙂

Quelle: Matthias Heinevetter, Heiligenstadt.

*   neben den jeweiligen Besitzern haben immer auch zahlreiche Geschwister,
vielfach ebenfalls als Meister, in der Schmiede mitgearbeitet

** die Marktschmiede (heute: Schmiede Nelz) gehörte
bis etwa 1900 ebenfalls zur Heinevetter-Schmiede

*** Die Bezeichnungen Herrnschmiede (wie dies eigentlich ursprünglich
richtig heißen müsste) und Herrenschmiede werden Synonym verwendet.

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1 Antwort

  1. Andrea Klingebiel sagt:

    Sehr interessanter Beitrag.

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