Stammbücher als Quellen für die Familienforschung

Von Hermann Kühn

Stammbücher sind eine Quellengattung, die noch nicht allen Familienforschern bekannt ist. Die Geschichte des Stammbuches ist auf den Seiten der Sächsischen Universitäts- und Landesbibliothek gut erklärt.

Im Heft 3 (2019) der ZMFG hatte ich einen Beitrag zu den Stammbucheinträgen von Adam Erdmann Mirus (1656–1728) veröffentlicht. Im selben Heft las ich dann den Beitrag von Michael Bock zum 250. Geburtstag des Reformpädagogen Johann Christian Dolz (1769–1843), weil mir der Familienname Dolz bei den Einträgern in das Stammbuch meines Altvaters Ernst Siegmund Wilhelm Kühn (1781–1850) bekannt vorkam. Im Folgenden will ich schlaglichtartig aufzeigen, inwiefern so ein Eintrag für die genealogische Forschung interessant sein kann.

So sieht der Eintrag im Stammbuch von E. S. W. Kühn auf der Seite 190v aus. [1]

Da wäre zum einen für mich die Bestätigung eigener Recherchen zum Einträger, wie dieser mit vollem Namen lautet und dass er tatsächlich, wie von mir vermutet, ein Bruder war von Johann Christian Dolz. In seinem Beitrag stellt Michael Bock neben den Geschwistern von J. C. Dolz auch seine schriftlichen Werke vor. Hier konnte ich dann das Buch über die Geschichte der Ratsfreischule in Leipzig finden. Eine schöne Quelle, um mehr über die Studienzeit meines Altvaters zu erfahren, hatte er doch während seines Studiums “seinen Tisch im Hause Plato”. Und siehe da, auf der S. 52 wird er nicht nur namentlich erwähnt, sondern es wird auch seine seinerzeitige Nebenbeschäftigung genannt.

Darüber hinaus enthält dieses Buch auch Namen aus der Umgebung von Plato. Dies erleichterte mir dann die Zuordnung von diesem oder jenem Beiträger im Stammbuch.

Und dann ergibt sich aus dem Beitrag von Michael Bock noch ein Zusammentreffen mit einer ganz anderen Familie, der Familie Heffter. Die Mutter von J. C. Dolz war Christina Dorothea Heffter (1749–1821).  Die Schwester von E. S. W. Kühn, Henriette Karoline Kühn (1788–1828), war seit dem 20.10.1807 verheiratet mit dem Dr. med. und praktischen Arzt in Zittau Karl Friedrich Heffter (1780–1809). Der verwandtschaftliche Zusammenhang ergibt sich allerdings erst in der dritten Generation vorher. Der Urgroßvater von C. D. Dolz, David Heffter (1625–1677), war der sehr viel ältere Stiefbruder aus 3. Ehe vom Altvater des praktischen Arztes K. F. Heffter, Heinrich Heffter (1652–1698), verbunden durch den gemeinsamen Geburtsort Eckartsberge bei Zittau.

In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass es von dem Arzt Karl Friedrich Heffter (1780–1809) ein Stammbuch gibt, welches unter der Signatur B 177 d im Altbestand der Christian-Weise-Bibliothek Zittau zu finden ist. Komme ich nun an diese Einträge, ohne mir das genannte Werk im Präsenzbestand durchsehen zu müssen?

Ja und zwar über das Repertorium Alborum Amicorum, der weltweit größten Datenbank zum Nachweis von Stammbüchern (Alba Amicorum) und Stammbucheinträgen. Dieses Projekt eines internationalen Verzeichnisses von Stammbüchern und Stammbuchfragmenten in öffentlichen und privaten Sammlungen wird seit 1998 am (heutigen) Department Germanistik und Komparatistik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg betrieben. Seit Juli 2018 besteht eine Kooperation mit der Gesellschaft für Familienforschung in Franken e.V. (GFF).

In dieser Datenbank sind u.a. alle Stammbücher der CWB in Zittau erfasst.

Bezogen auf unser Beispiel ermittelt man zunächst das Sigel (hier: sigle) für dieses Stammbuch mit dem Namen des Stammbuchhalters über die Recherche „Suche nach Stammbüchern“. Unter Eingabe des Sigel, hier „1796_Heffter“, in die „Suche nach Stammbucheinträgen“ kann man sich dann die 75 Einträge anzeigen lassen:

Unter der Laufnummer 29 wird man dann auch auf einen Eintrag von E. S. W. Kühn kommen:

Hier kann man dann über den Ort und das Eintragungsdatum sofort ersehen, wann sich der Stammbuchhalter in dem Ort aufgehalten hat und wen er besucht hat. Zumindest für die Stammbücher in der CWB Zittau wird die Dedikation (Widmung) wörtlich wiedergegeben. Daraus kann man den Namen und die Beziehung des Stammbucheinträgers zum Stammbuchhalter entnehmen. Mit ein wenig Glück erhält man durch die Eintragung im Feld „Einträger (ident.)“ den vollständigen Namen, den verkürzten Lebensweg und die Lebensdaten des Einträgers.

Ziel dieser Datenbank ist es, vor allem der automatisierten Suche in einem bedeutenden Datenfundus zu dienen und weiter zu detaillierteren Informationsquellen zu vermitteln.


[1] Ich danke Herrn Uwe Kahl, Leiter des wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Altbestandes der Christian-Weise-Bibliothek in Zittau (CWB Zittau), für die Abdruckerlaubnis dieses Blattes. Das Stammbuch ist dort unter den Signatur Mscr. B 390 vorhanden.

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