Archiveinsatz mit besonderer Entdeckung – Der genealogische Nachlass von Dr. Heynig

In den Tagen/ Wochen vor der alljährlichen Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft für mitteldeutsche Familienforschung e.V. kommen Überlegungen auf, in welcher Form der Verein, wie Teile desselben, zeitgemäß und sinnvoll organisiert werden können. Als Säulen werden zumeist die Quartalszeitschrift ZMFG, die (bisherige) Herausgabe der Mitteldeutschen Ortsfamilienbücher, der Buchversand, die Internetpräsentation, der Austausch über die Mailinglisten und das AMF-Archiv benannt. Letzteres kann man als ein zweigleisiges Unterfangen ansehen. Zum einen wird hier die Aufbewahrung historischer Unterlagen ermöglicht, zum anderen momentanen und zukünftigen Forschungen Unterstützung gewährleistet, was ja auch der Sinn eines Archives ist.

Leider unterliegt die Nutzung eines Archives gewissen Grenzen. Zum einen zeitlichen, Forschende finden ab einem gewissen Zeitpunkt leider keine Aufzeichnungen mehr, zum anderen räumlichen Grenzen, was den Trägern von Archiven und ihren Mitarbeitern Kopfzerbrechen bereitet. Also wird eine Auslese betrieben, die man in der Archivsprache als Bewertung bezeichnet. Von einem Mitarbeiter eines Staatsarchivs war einmal zu erfahren, dass letztlich zwei Prozent der dem Archiv angebotenen Unterlagen übernommen und aufbewahrt würden. Forschende mögen um die verloren gehenden 98 Prozent trauern, die Archivierende eher aufatmen, denn der Platz ist begrenzt. Auch im AMF-Archiv stehen wir vor der Problematik, Unbewertetes aufarbeiten und Bestände auf ihre Archivwürdigkeit überprüfen zu müssen, und bestenfalls in einem nächsten Schritt eine Digitalisierung anzustreben.

Das Archiv wird sowohl von einem ehrenamtlichen Arbeitskreis als auch einem angestellten Mitarbeiter betreut, der wöchentlich zwei Mal vor Ort tätig ist. Er beantwortet Anfragen an das Archiv, verschickt Bestellungen und nimmt Rücksendungen wieder an. Doch gefunden und bestellt werden kann nur, was gesichtet, geordnet und in der Archivdatenbank erfasst ist. Der zeitliche Rahmen für solche Erschließungsarbeiten, die Grundlage für jede weitere Nutzung sind, ist begrenzt.

Betritt man das Magazin (Raum zur Lagerung des Archivguts) unseres AMF-Archivs im Gebäude des Staatsarchivs Leipzig, staunt man über die Fülle der Unterlagen, die in den Rollregalanlagen lagern und nach ihren Signaturen geordnet sind. Bei aller momentanen Sorge über Zustand und Zukunft des Vereines soll diese Schatzkammer nicht vergessen werden. Eine Möglichkeit, einen Eindruck von unserem Archiv zu bekommen, bieten die alljährlich im Frühjahr organisierten Archiveinsätze des Arbeitskreises, wie zuletzt vom 2. bis zum 5. März 2020.

Während des diesjährigen Archiveinsatzes (Foto: Karina Falk)

Manche „Außenstehende“ fragen sich vielleicht, in welcher Form Hilfe geleistet werden kann und inwieweit das eigene Urteilsvermögen ausreicht, um Bestände bewerten zu können, wie man beispielsweise vorgeht, wenn man zwei großen Kartons gegenübersteht und plötzlich den enthaltenen Nachlass sichten soll. Natürlich zählen Routinearbeiten dazu, wie das Lösen und Entfernen aller metallischen Gegenstände, das Umheften in archivgerechtes Lagermaterial sowie eine erste Registrierung. Zum anderen vertieft man sich mehr und mehr in das Material und taucht immer mehr in den Inhalt der Unterlagen ein. Nicht selten steht man dann ehrfurchtsvoll einem ganzen Lebenswerk gegenüber.

Eine tolle Entdeckung während eines solchen Archiveinsatzes war der Nachlass von Dr. Hermann Heynig, der Ende 2018 im Alter von 94 Jahren in Halle gestorben war. Mit seinem Tod stand die Übernahme seines genealogischen Nachlasses an, den er vermutlich in gut und gern 60 bis 65 seiner Lebensjahre erarbeitet haben mag. Die umfangreichen Unterlagen hatte er sehr gut geordnet. Neben vielen persönlichen Dingen wie Urkunden, Fotos, Auszeichnungen und ungewöhnlichen Erinnerungsstücken wie Haarsträhnen, vermutlich eines Kindes, findet man seine chronologisch geordnete Briefkorrespondenz, Stammbäume in verschiedenen Formen, eigene Bindungen mit gedruckten Texten und Abschriften von Kirchenbuchauszügen. Hinzugefügt hat Dr. Heynig historische Exkurse, die tiefer in die Lebensumstände seiner Vorfahren einführen, Mappen von Epitaphen aus jenen Kirchen, in denen Vorfahren ihren (Gottes-)Dienst verrichteten und vieles mehr.

Das bedruckte und beschriebene Papier stammt aus drei Epochen deutscher Geschichte und stellt in seiner Gesamtheit sein zusammenhängendes genealogisches Lebenswerk dar.
Und nun soll man angesichts des knapp bemessenen Platzes im Archiv also aussortieren – ein schwieriges Unterfangen, zumal dem Betrachter mehr und mehr klar wird, über welch langen Zeitraum Hermann Heynig seine Forschung betrieben hatte.

Die Stammbaumaufzeichnungen beginnen mit Bleistift auf Vordrucken, wurden später dupliziert, nun aber schon mit Tinte. In der nächsten Stufe per Schreibmaschine auf
Durchschlagpapier gebracht. Später folgten Computerausdrucke auf dickerem Papier, in Klemmmappen verstaut, verschiedene Ahnenlinien sortiert und schließlich in Form eines Manuskriptes, das hin und wieder korrigiert wurde.

Ähnliche Entstehungsvorgänge weisen autobiografische Aufzeichnungen auf, auch Lebensbeschreibungen seiner Vorfahren, stets bild- und erzählungsreich. Über Manuskripte gehen die Aufzeichnungen nicht hinaus. Vielleicht hat Dr. Heynig einige seiner selbst gedruckten Exemplare an Interessierte innerhalb der eigenen Familie weitergereicht, zu einer Veröffentlichung ist es aber nie gekommen. Sein genealogisches Werk erscheint unvollendet.

Teile des Nachlasses von Dr. Heynig (Foto: Steffen Mücke)

In mehreren Kartons lagert es nun, gesichtet und geordnet, in den Regalen des AMF-Archivs in der Schongauer Straße in Leipzig. Der Überlegung, wie man Zugang zu diesem Bestand schaffen kann und überhaupt erst einmal das Interesse anderer Forscherinnen und Forscher darauf lenkt, ließ die Abschrift seines Stammbaumes entstehen, der im Archiv aufbewahrt wird, sowie das untenstehende alphabetische Orts- und Namensverzeichnis. Einige Pfarrerlinien (zu seinen Vorfahren gehörte Hermann Joachim Hahn, welcher 1726 in Dresden ermordet wurde), frühe Bürgerfamilien u.a. in Leipzig, Halle, Delitzsch findet man ebenso wie viele bäuerliche Linien in und um Leisnig, Mügeln, Döbeln oder im Erzgebirge, um hier nur eine kurze Übersicht zu geben.

Die Zeit dieser aufwendigen Arbeit hat der Autor dieses Beitrages gern investiert, ist das Ergebnis doch auch ein gutes Beispiel dafür, welche Schätze bei uns im Archiv liegen und auf welche Weise wir sie heute für uns digital nutzbar machen können.

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Eine Antwort

  1. Lieber Herr Mücke, danke für Ihren anschaulichen Erfahrungsbericht, den Sie mit dem Satz abschließen, “ein gutes Beispiel dafür, welche Schätze bei uns im Archiv liegen und auf welche Weise wir sie heute für uns digital nutzbar machen können.” – Es wäre mir wichtig, zu erfahren, auf welche Weise Sie die Digitalisierung angehen. Gibt es einen Plan oder haben Sie vielleicht schon begonnen?
    Grüße Peter T.

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