Abenteuer Familienforschung

Von Gisela Laudi (AMF-Mitglied Nr. 1824)

Viele Familienforscher betreiben ihre Recherchen mit dem Ziel einer Familiengeschichte, ihrer Familiengeschichte. Wie haben unsere Vorfahren gelebt? Welche Schwierigkeiten hatten sie zu meistern? Welchen Zwängen waren sie unterworfen? Welche Beweggründe ließen sie ihre Heimat für eine Reise ins Ungewisse verlassen? Alles Fragen, die eine lediglich an genealogischen Grunddaten orientierte Auflistung der Vorfahren nicht beantworten kann.

Die uns bei unseren Recherchen begegnenden historischen Ereignisse und Episoden wollen dargestellt werden. Aber wie schaffen wir das?
Unser Vereinsmitglied Gisela Laudi hat bereits vor Jahren mit einem Buch eine Form dafür gefunden. Sie berichtet über ihre genealogischen und heimatgeschichtlichen Forschungen und verknüpft sie, wenn nötig, mit faktenbasierter Phantasie zu einem spannenden Roman. Wir beginnen eine kleine Folge ihrer Forschungsgeschichte mit der Schilderung des großen Oderhochwassers. (Die Online-Redaktion)


Laudi Gisela: Justina Tubbe, Der weite Weg einer Brandenburgerin vom Oderbruch nach Texas, Bad Münstereifel 2000 (Westkreuz-Verlag).


Seit der Wende reisten wir auf den Spuren meiner Vorfahren mit dem Wohnmobil durch die neuen Bundesländer. In ODERBERG habe ich mich verliebt: Die Person JUSTINA TUBBE ließ mich nicht mehr los … die Tante und Ziehmutter meiner Ururgroßmutter! … die 9fache Mutter und Weberfrau, die mit schon 60 Jahren nach Texas ausgewandert ist. Ein Thema gab dem anderen die Hand – wir forschten intensiv weiter und hatten in den Ferien spannende Zeiten zwischen Archiven, Bibliotheken, Antikbuch-Läden und vielen Begegnungen.

Im Jahr 1997 waren wir gerade mal wieder in ODERBERG, als DAS ODERBRUCH durch das große Hochwasser weltbekannt wurde. Während die Sirene des Katastrophenalarms das Schlimmste befürchten ließ, schwitzten wir, um beim Evakuieren des Heimatmuseums mitzuhelfen: nicht nur alte Bronzezeit-Urnen, Modelle und Bilder, auch alte Scherben und Bücher schleppten wir in die erste Etage. Die Bank, die Post, viele Wohnhäuser und Geschäfte würden innerhalb weniger Stunden wenigstens zwei Meter unter Wasser stehen, wenn der Deich der Oder bei HOHENWUTZEN nicht standhalten könnte. Helfen war jetzt wichtiger als die Hausdateien und Bürgerlisten, die wir eigentlich recherchieren wollten.

Unser WoMo stand sicher auf dem Gaisberg, von wo wir weit über das Oderbruch und die kreisenden Hubschrauber sehen konnten. Jeden Abend kamen Einheimische zu uns hoch und wir hörten gemeinsam die aktuellen Meldungen.

Da wir innerhalb des Sperrgebiets waren, konnten wir mit den Fahrrädern nach Hohenwutzen. Die gesamte Bevölkerung schippte Sandsäcke, und wir beide schufteten mit. Die Sandsäcke wurden jeweils zu 40 Stück in Netzen an die direkt neben uns startenden Hubschrauber angehängt und zur gefährdeten Deichstelle geflogen. Es war ein Höllenlärm bei dem gemeinsamen Arbeiten, aber es war ein freundliches Miteinander. Es waren die Tage, wo ‘Ossis’ und ‘Wessis’ Freundschaften schlossen.

Hätte man nicht von der Gefahr gewusst – es war ein wunderschönes Bild, dieser schnellfließende breite Strom mit den darin stehenden Baumgruppen. Die Journalisten warteten oben im Dorf – erst wir erzählten dem ZDF-Mann, dass dieser Höhenrücken einstmals in weiter Schleife bei Oderberg vorbei vom Strom umflossen wurde … und der Alte Fritz den Berg hatte durchstechen lassen, um den Lauf der Oder abzukürzen – die Reporter lauerten auf die Katastrophe: Beinahe hätte sie an jenem schwarzen Mittwoch stattgefunden.

Da hatte die Bundeswehr die Zivilbevölkerung abgelöst – es konnte keiner mehr helfen. Auch die kleinen Hubschrauber standen still – deren Vibrationen waren zu gefährlich für den Deich geworden, er war weich wie Pudding.

Doch plötzlich – was war los? Alle Riesenhubschrauber starteten gleichzeitig, deshalb hörten wir die Sirene wohl nicht – der Deich war abgerutscht – höchste Gefahr! Es war nichts mehr zu verlieren. Jetzt galt, man spürte es: Alles oder Nichts! Die Journalisten wirbelten durcheinander, Mütter schrien: „Mein Kind, wo ist mein Kind!“. Männer riefen den Nachbarn zu: „Los haut ab – der Deich ist gebrochen!“ Einer kam mit einem Jeep „Nein noch nicht! Er ist nur abgerutscht!“„Die Soldaten kommen im Eilschritt vom Deich zurück!“„Sie geben den Deich bei uns auf, um Freienwalde zu retten ...“ – „Sie werden es schaffen, bestimmt …“

Sie schafften es! Das WUNDER VON HOHENWUTZEN.

In den Zeitungen klang es, als wäre es das erste große Hochwasser – sie nannten es das Jahrtausend­hochwasser. Ob die Schreiber nichts von all den früheren Hochwassern wussten?

  • zum Beispiel vom Hochwasser 1948 – als Oderberg metertief unter Wasser stand?
  • oder das Hochwasser von 1854, das viele Deichbrüche verursachte — und der Witwe JUSTINA TUBBE alle Wiesen versandete, sämtliches Heu vernichtete und sie sogar noch viel zahlen sollte und sich auch deshalb entschied, nach Amerika auszuwandern?

Die Geschichte lehrt uns Schicksale zu verstehen.

Dieser Beitrag ist auch Teil der kürzlichen Debatte zu „Mit welchem Ziel betreiben wir heute Genealogie?“ Das ausgewählte Thema hat wegen der Katastrophe an der Ahr und den Nebenflüssen des Rheins besondere Aktualität.


Wird fortgesetzt …

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